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Review: The Impossible

impAm 26. Dezember 2004 schockierte die Meldung von dem Tsunami in Südostasien die ganze Welt. Ein Erdbeben im Indischen Ozean hatte eine Riesenwelle zur Folge, die letztlich 225.000 Menschen das Leben kosten sollte. Der spanische Regisseur Juan Antonio Bayona (Das Weisenhaus) hat sich dieses Szenarios nun angenommen und mit The Impossible ein mitreißendes Familiendrama geschaffen.

Vor allem die Inszenierung der Monsterwelle gehört zweifelsohne zu den intensivsten Kinoerlebnissen der letzten Jahre. Eine dröhnende Geräuschkulisse, überzeugende Kameraarbeit – und mittendrin eine beeindruckend agierende Naomi Watts, die für ihre Leistung in The Impossible in diesem Jahr nicht zu Unrecht für den Oscar als beste Hauptdarstellerin nominiert ist. Nicht zuletzt dank ihrem herzzerreißenden Spiel der puren Verzweiflung schaffen es Bayona und sein Kameramann Óscar Faura (Biutiful) auch durch den starken Kontrast zur vorher gezeigten Schönheit eindrucksvoll einzufangen, wie die Hölle das Paradies traf. Schonungslos wird anschließend die physische Brutalität gezeigt. Offene Wunden, körperliche Schmerzen, angespülte Leichen – nichts für schwache Nerven.

Leider wurde dem physischen Leiden und den anschließenden psychischen Qualen nicht dieselbe notwendige Aufmerksamkeit geschenkt. Die Szenen nach dem Rückzug der Monsterwelle wirken teilweise wie eine Last, eine ungewollte Notwendigkeit und verlieren sich etwas im Kitsch – auch wenn ich diesen grundsätzlich für diese Art Film durchaus als noch im Rahmen befindlich bezeichnen würde.

Als etwas problematisch sehe ich zudem den ausschließlichen Fokus auf Opfer der westlichen Welt an. Neben der ohnehin im Mittelpunkt stehenden Familie um Maria (Naomi Watts) und Henry (Ewan McGregor) sehen wir Opfer aus Deutschland, Niederlande, Italien und anderen westlichen Ländern. Vom Schicksal der einheimischen Bevölkerung, dessen Überlebende nicht in einen einigermaßen geregelten Alltag in ihre Heimat ausgeflogen werden können, erfahren wir nichts.

Die einseitige Darstellung kann angeprangert werden, The Impossible bleibt aber ein packend inszeniertes, mitreißendes Familiendrama, das nicht zuletzt mit ausgezeichneten schauspielerischen Leistungen aller Beteiligten (neben Watts soll an dieser Stelle vor allem Nachwuchsschauspieler Tom Holland erwähnt werden) glänzen kann und vor allem in der ersten Hälfte unglaublich intensiv ist.

6,5/10 

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Review: Mad Circus – Eine Ballade von Liebe und Tod

»Wenn dein Publikum nicht lacht, dann erschreck’ es zu Tode.«
Dieses Zitat aus „Mad Circus – Eine Ballade von Liebe und Tod“ (Balada triste de trompeta) kann im Grunde auch als Quintessenz des Films angesehen werden. Das neue Werk von Álex de la Iglesia, dem Enfant Terrible des spanischen Kinos, ist beklemmend, makaber, verstörend…doch phasenweise witzig zugleich. Gnadenlos rechnet der spanische Kultregisseur – „Aktion Mutante“, „El Dia de la Bestia“, „Perdita Durango“ – mit dem Franco-Regime und mit dessen Verarbeitung im spanischen Bewusstsein ab.

Spanien 1937: Eine Zirkusvorstellung wird jäh von Soldaten unterbrochen, die kampffähige Männer rekrutieren wollen, um gegen die anrückenden Franco-Anhänger vorzugehen. Einer der Clowns, der Vater von Javier (Carlos Areces), wird anschließend verhaftet. Einige Jahre später gibt er seinem bei einem Gefängnisaufenthalt seinem Sohn einen Rat: »Erleichtere deinen Schmerz mit Rache.«  Bei dem folgenden Befreiungsversuch muss Javier mit ansehen, wie sein Vater von einem Pferd zu Tode getrampelt wird.
Ein weiterer Zeitsprung führt uns nun in die 70er Jahre. Javier wurde als trauriger Clown in einem Zirkus angestellt, wo er sich in die schöne Natalia (Carolina Bang) verliebt. Die ist jedoch mit Clownkollege Sergio (Antonio de la Torre) zusammen, der ein gewaltiges Aggressionsproblem hat. Was als etwas ausgefallene Liebesgeschichte beginnt, wird bald zu einem blutigen Höllentrip zwischen Liebe, Hass und Eifersucht…

Jeder Versuch, die anschließende Handlung in Worte zu fassen, wäre zum Scheitern verurteilt. Deswegen soll das an dieser Stelle auch gar nicht erst versucht werden. Es wird grotesk, brutal und bizarr, manchmal an der Grenze zum Erträglichen. Was Iglesia abliefert, ist eine Achterbahnfahrt auf dem Rummelplatz der Groteske.

Bei den Filmfestspielen von Venedig 2010 wurde Álex de la Iglesia für „Mad Circus“ mit den Preisen für „Beste Regie“ sowie „Bestes Drehbuch“ ausgezeichnet. Jurypräsident war in jenem Jahr übrigens ein gewisser Quentin Tarantino.

Visuell ist „Mad Circus“ auf allerhöchstem Niveau. Die kunstvolle Inszenierung der brutal-skurrilen Handlung trägt hierbei zur Bizarrheit des Films bei. Er ist so abschreckend wie faszinierend. Alles kulminiert schließlich in einem fulminanten Showdown, der sich als Hommage an selbigen in Alfred Hitchcocks „Der unsichtbare Dritte“ herausstellt. Filmfreunde dürfen sich zudem auf eine Vielzahl weiterer filmischer Zitate freuen, die es im Verlaufe des Films zu entdecken gilt.

Die Handschrift Iglesias ist zweifelsohne auch in „Mad Circus“ zu erkennen. Wer bisher mit seinen Filmen nichts anzufangen wusste, wird auch mit diesem Film seine Schwierigkeiten haben. Seine groteske Überdrehtheit in Stil und Handlung trifft sicherlich nicht den Geschmack eines jeden. Der „Otto-Normal-Kinogänger“ – und das ist nicht überheblich gemeint – sollte gewarnt sein: „Mad Circus“ ist erwartungsgemäß sehr…speziell.

Fazit: „Mad Circus“ ist bizarr. „Mad Circus“ ist verstörend. „Mad Circus“ ist faszinierend. Kultregisseur Álex de la Iglesia liefert eine gnadenlose Abrechnung mit dem faschistischen Franco-Regime und dessen Verarbeitung im spanischen Bewusstsein ab. Visuell auf allerhöchstem Niveau wird uns eine brutale und groteske Geschichte von Liebe, Hass und Eifersucht erzählt, die jedoch nicht zur zwischen den Zeilen mehr ist als eine völlig abgedrehte Liebesgeschichte. Ab einem bestimmten Punkt steuert der Film allerdings in eine Richtung, die mitunter etwas über die Stränge schlägt. „Mad Circus“ wird mit fortschreitender Handlung immer grotesker und immer überdrehter und kratzt an der Grenze zum Erträglichen. Potenziell Interessierte sollten sich also bewusst sein, auf was sie sich einlassen, wenn sie sich „Mad Circus“ anschauen.

7/10