Review: Der Ghostwriter (FR/D/GB 2010)

gwrMit Verzicht auf große Actionszenen inszeniert Roman Polanski ein beeindruckendes Geflecht aus politischen und persönlichen Verstrickungen, in denen sich der Zuschauer nicht minder unsicher erscheinen muss als die Hauptfigur des Ghostwriters.

Als der Ghostwriter der Memoiren des britischen Ex-Premierministers Adam Lang (Pierce Brosnan) tot aufgefunden wird, springt »Der Ghost« (Ewan McGregor) ein, um das Werk zu vollenden. Als der internationale Gerichtshof in Den Haag eine Untersuchung wegen Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen gegen Lang einleitet, sieht sich der Ghostwriter plötzlich in verworrene Machenschaften und dunkle Geheimnisse verstrickt…

Roman Polanski nimmt sich Zeit. Mit seiner ruhigen Erzählweise setzt er langsam die Daumenschrauben beim Zuschauer an, der sich – ganz dem Hauptcharakter gleich – mehr und mehr in den Verstrickungen verliert. Nicht zufällig erfahren wir nie einen Namen des Protagonisten. Er tritt stets schlicht als »The Ghost«auf, ist ein Spiegelbild des Zuschauers selbst. Zu keiner Zeit weiß der Zuschauer mehr als der Ghostwriter.

Stück für Stück müssen beide die Puzzleteile zusammensetzen. Doch sobald sich ein großes Ganzes zu erben scheint, treten neue Einzelheiten, neue Charaktere auf den Plan, die ein gänzlich neues Bild ergeben. Dass dafür auch mal ein »Deus Ex Machina« in Form eines eigenwilligen Navigationssystems herhalten muss, trübt den Gesamteindruck jedoch ein wenig – das hätte sicher auch geschickter gelöst werden können.

Trotz des ruhigen Erzähltempos bei einer zweistündigen Laufzeit treten kaum Längen auf. Neben der packenden Geschichte ist dies nicht zuletzt der dichten Atmosphäre zu verdanken. Das Setting auf dem verregneten, neuenglischen Eiland könnte wirkungsvoller nicht sein, das Strandhaus ist passend dazu steril und kalt. Kamaramann Pawel Edelmann (Der Pianist, Ray) versteht es glänzend, die Tristesse in seinen Bildern einzufangen.

Nicht zu unterschätzen ist auch die Arbeit von Komponist Alexandre Desplat (Ides of March, Der fantastische Mr. Fox), der in seinen Werken zwar immer unauffällig agiert, sich nicht in den Vordergrund drängt und niemals Ohrwürmer produziert und daher trotz eines umfangeichen Gesamtwerkes nicht die Bekanntheit eines Hans Zimmer (Fluch der Karibik, Inception) oder John Williams (Star Wars, Indiana Jones) erreichte, doch bestens versteht, die Atmosphäre eines Filmes einzufangen, sie in seine Musik zu transportieren und sie dadurch noch zu verstärken. Genau dies gelingt ihm auch in Der Ghostwriter einmal mehr hervorragend.

Und letztlich beeindruckt auch der bis in die kleinste Nebenrolle glänzend besetzte Cast. Pierce Brosnan (James Bond, Mars Attacks!) als eitler Ex-Premier, Ewan McGregor (Big Fish, Die Insel) als unscheinbarer, sympathischer Repräsentant des Zuschauers, Olivia Williams (Below) als undurchsichtige Ehefrau sowie kleinere Auftritte von Tom Wilkinson (Der Patriot, Batman Begins), Timothy Hutton (Wehrlos, Leverage) und James Belushi (Blues Brothers). Das kann sich sehen lassen.

Der Ghostwriter ist ein ruhiger, aber nichtsdestoweniger unheimlich spannender Politthriller ganz im Stile eines Alfred Hitchcock. Geschickt werden persönliche und politische Verstrickungen miteinander verwoben und in einen globalen Zusammenhang eingebettet. Wie der Hauptprotagonist kann sich der Zuschauer niemals sicher sein. Der überzeugende Plot wird doch eine atmosphärisch dichte Inszenierung meisterlich unterstützt. Der Einsatz eines eigenwilligen Navigationssystems zum Voranbringen der Geschichte stört den Gesamteindruck etwas, zudem erscheint es etwas mager und zu sehr mit dem Holzhammer vorgetragen, wie letztlich die – obgleich sehr gelungene – Auflösung zu Tage gefördert wird. Doch insgesamt ist Der Ghostwriter ein überaus sehenswerter Thriller, den ein Hitchcock vermutlich nicht besser hätte machen können.

8,5/10

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