Quentin Tarantino – Retrospektive

Aus zeitlichen Gründen war es eine ganze Weile still hier auf »filmtoast«. Das wird sich hoffentlich wieder ändern. Angesichts des neuen Filmes von Quentin Tarantino – Django Unchained – der dieser Tage die deutschen Kinos unsicher macht, soll das »Comeback« mit einer Retrospektive dieses Regisseurs eingeläutet werden, an dessen Werken sich die Geister scheiden wie bei kaum einem Zweiten.

Reservoir Dogs (1992)

resdogEine Gruppe von Männern, in Anzügen gekleidet, sitzt in einem Lokal gemeinsam am Tisch. Wir wissen noch nicht wer sie sind, wir wissen noch nicht, was sie verbindet. Alles, was wir zunächst erfahren, ist die Tatsache, dass sie offenbar einen Hang zu außergewöhnlichen Diskussionen haben – denn wir platzen mitten in eine Debatte über die unterschwellige Botschaft von Madonnas »Like A Virgin«. Und diese Szene, der Beginn von Reservoir Dogs, markiert die Geburt eines Kult-Regisseurs: Quentin Tarantino.

Dabei hätte es Reservoir Dogs so wir ihn kennen fast gar nicht gegeben. Tarantino wollte unbedingt seinen Film drehen und hätte das auch als Low-Budget-Produktion durchgezogen. Doch über seinen Freund und Produzenten Lawrence Bender erreichte das Drehbuch schließlich über mehrere Ecken keinen Geringeren als Harvey Keitel, der sich begeistert von dem Script zeigte und die Tore für eine größere Produktion öffnete. Wenn man so will, kann man Harvey Keitel also wohlmöglich als Geburtshelfer für Tarantino als Kultobjekt betrachten.

Viele lieben ihn, noch mehr hassen ihn, einige halten ihn für einen Gott, andere für gnadenlos überschätzt. An Tarantino scheiden sich die Geister. Die Frage kann und soll hier gar nicht thematisiert werden, doch auch Tarantino-Gegner werden wohl neidlos anerkennen müssen, dass seine Filme offenbar etwas an sich haben, das für eine inzwischen nicht allzu kleine Fanbase gesorgt hat.

Schon Reservoir Dogs zeigt Vieles von dem, was einen typischen Tarantino-Streifen ausmacht. Coole Charaktere, faszinierende Dialoge, fantastischer Soundtrack, diverse popkulutrelle Referenzen und natürlich eine nicht geringe Menge Kunstblut.

Allerdings wirkt Reservoir Dogs stellenweise doch noch etwas unausgereift – es ist nicht zu verkennen, dass Autor/Regisseur Quentin Tarantino hier noch etwas in der Findungsphase ist. Und ungeachtet seiner moderaten Laufzeit lässt sich die eine oder andere Länge nicht verkennen. Nichtsdestotrotz ein beeindruckender Debüt-Film, der Tarantino schlagartig berühmt gemacht hat. Zunächst als neue Hoffnung am amerikanischen Independent-Kino gerühmt, trat er schnell seinen Siegeszug zu den Größen in Hollywood an – ohne jedoch seine Wurzeln zu vergessen. Seine Filme mögen teurer geworden sein, seine Produktionen aufwändiger – nichtsdestoweniger ist er in der Regel sich (und seinen Fans) treu geblieben. Alle seine zukünftigen Filme sollten seine Handschrift unverkennbar tragen.

7,5/10

Pulp Fiction (1994)

pficHat jemand gerade »Findungsphase« geschrieben? Bereits mit seinem zweiten Film hatte Tarantino diese abgeschlossen. Zwei Jahre nach Reservoir Dogs sollte er mit Pulp Fiction einen Film auf die Menschheit loslassen, der die Bezeichnung Coolness neu definierte. Auch wenn der Begriff „Kult“ inzwischen vielleicht inflationär gebraucht wird, in diesem Fall kann das wohl kaum angezweifelt werden: Pulp Fiction ist Kult.

Tarantino nahm seine Zutaten aus Reservoir Dogs und perfektionierte sie. Noch coolere Charaktere, noch faszinierendere Dialoge, ein noch besserer Soundtrack und noch mehr popkulturelle Referenzen. Und sogleich trat eine ironische Wendung auf: Tarantino und Pulp Fiction wurden selbst zu einer popkulturellen Referenz.

Verschiedene Episodengeschichten, die ihren Weg völlig unchronologisch kreuz und quer durch den Film nehmen und sich dabei immer wieder treffen. Verschiedene Episodengeschichten, die letztlich doch einen großen, zusammenhängenden Film ergeben. Die unchronologische Erzählweise führt sogar zu dem Kuriosum, ein Wiedersehen mit verstorbenen Charakteren zu ermöglichen. Wie gut solch eine Erzählweise aber funktionieren kann, wenn es richtig gemacht wird, zeigt Tarantino in diesem Stück Filmgeschichte.

Und nun werde ich mich zum  ersten – und sicher nicht letzten – Male innerhalb dieser Retrospektive vermutlich sehr unbeliebt bei einer Mehrheit der Tarantino-Jünger machen. Doch ich kann mir nicht helfen, aber es gibt in Pulp Fiction einfach eine Sache, die mich bei jedem Schauen des Films stört. Unzählige Male habe ich den Streifen nun angesehen, doch ich werde einfach nicht warm mit dieser Szene. Die ganze Episode rund um Z und Hinkebein halte ich einfach schlicht für ­­»over-the-top«. Die Quintessenz hinsichtlich der Klärung des Plots um Butch und Marsellus ist natürlich nicht unwichtig, hätte man jedoch sicher auch anders lösen können.

Viel mehr zum Meckern lässt sich jedoch nicht finden. Lediglich die Laufzeit erscheint für diese Art Film vielleicht einen Tick zu lang, fällt aber tatsächlich kaum ins Gesicht. Zu cool ist der Streifen einfach. Trotz der Gefahr mich zu wiederholen: Pulp Fiction ist Kult. Und manchmal sollte man gar nicht so viel reden, sondern das einfach so stehen lassen.

9/10

Jackie Brown (1997)

jabroNach einem Film wie Pulp Fiction liegt die Messlatte zweifelsohne hoch und die Ansprüche sind schier unerfüllbar. Jackie Brown wird häufig als der schwächste Tarantino bezeichnet. Und gerne würde ich aus der Reihe tanzen, gerne würde ich etwas anderes behaupten. Doch leider muss ich das auch für mich bestätigen – irgendwie finde ich keinen richtigen Zugang zu diesem Werk.

Dabei verfügt Jackie Brown prinzipiell wieder über die üblichen Zutaten eines Tarantino-Films, doch hier wollen sie einfach nicht so recht zünden. Die Darsteller und ihre Charaktere – allen voran Robert de Niro als verpeilter Ex-Knacki – sind wieder einzigartig, auch die Dialoge tragen wieder deutlich seine Handschrift. Doch als im Gesamtgefüge ergibt sich ein stotternder Motor.

Dies liegt nicht zuletzt auch an dem Erzähltempo. Jackie Brown ist langsam. Jackie Brown ist zäh. Ja, so sehr ich Tarantino und seine Filme mag, Jackie Brown ist einfach langweilig.

5/10


Kill Bill Vol. 1 (2003)

kb1Quentin Tarantino ließ sich nun Zeit. Zwischen Reservoir Dogs und Pulp Fiction lagen zwei Jahre. Jackie Brown erschien weitere drei Jahre später. Doch dann war es ganze sechs Jahre lang ruhig um Tarantino. Sein »Comeback­« sollte dann aber umso einschlagender sein.

Mit dem ersten Teil seines Kill Bill-Zweiteilers lieferte er ein Feuerwerk von einem Genre-Mix ab. Seine Einflüsse sind klar zu erkennen – und mit diesem Film huldigt er ihnen. Und einmal mehr gelingt es Tarantino, selbst eine popkulturelle Referenz zu erschaffen.

Wer kennt sie nicht, Uma Thurman als Rächerin ihrer selbst? Wer kannte nicht jemanden, der den »Twisted Nerve­« als Klingelton hatte? Wer war noch nie auf einer Kostümparty, in der niemand in gelbem Motorradanzug erschien?

Die Story passt auf einen Bierdeckel, reicht in diesem Fall aber auch völlig aus. Im Mittelpunkt steht die Inszenierung – und mit ihr die Ästhetisierung von Gewalt. Tarantino und Gewalt – ein Thema, dass ihn in seinen zukünftigen Filmen immer wieder zu Rechtfertigungen gegenüber der Presse zwingen sollte. Erstmals tritt sie hier bei ihm in einer völligen Überzogenheit auf. Comic-haft spritzt das Blut und fliegen die Gliedmaßen – nicht die einzige Mangareferenz in Kill Bill Vol. 1, in der es nicht zufällig ein ganzes Anime-Kapitel zu sehen gibt.

Kill Bill Vol. 1 besticht vor allem durch eine unglaubliche Coolness und seine stilvolle Inszenierung. Und es ist ein Film von einem Filmfan für Filmfans. Kritiker mögen ihm vorwerfen, sich bei unzähligen Eastern und Western freimütig bedient zu haben – doch letztlich ist es eine Kunst, die Tarantino beherrscht, seine Inspirationen und Einflüsse nicht einfach zu klauen, sondern zu einem originellen Werk zusammenzufügen. Und nie hat Tarantino ein Hehl daraus gemacht, dass Kill Bill vor allem eines ist: Eine Hommage.

9/10

Kill Bill Vol. 2 (2004)

kb2Es stellt sich natürlich die Frage, inwieweit man die beiden Kill Bill-Teile wirklich getrennt bewerten sollte, stellen sie doch im Grunde ein gemeinsames, zusammenhängendes Werk dar. Ich halte es dennoch für sinnvoll, unterscheiden sich beide Filme stilistisch und dramaturgisch doch deutlich voneinander – Vol. 2 ist ernsthafter, emotionaler, dramatischer. Ein Bruch zwischen beiden Filmen ist klar zu erkennen.

Vol. 2 fällt in meiner Bewertung hierbei auch von seinem Vorgänger ab. Weniger Action und mehr Dialoge befürworte ich prinzipiell, ist hier allerdings ein wenig schief gegangen. Letztendlich können lediglich die Episode bei Pei Mai sowie das Aufeinandertreffen mit dem titelgebenden Bill wirklich überzeugen. Davon abgesehen plätschert der Film allzu sehr dahin, das EKG eines Verstorbenen in der Spannungskurve nachahmend. Zudem gehen ihm Coolness und Stilsicherheit des Vorgängers ab. Vol. 2 ist kein schlechter Film, allerdings auch weit entfernt von einem sehr guten.

6,5/10

Death Proof (2007)

deproIch kann wirklich absolut nicht nachvollziehen, weshalb Tarantinos Grindhouse-Ausflug Death Proof so schlecht weg kommt. Ich verstehe selbstverständlich, weshalb Zuschauer, die ohnehin nichts mit Tarantino anfangen können, auch von Death Proof gelangweilt und angewidert sind. Allerdings kann ich beim besten Willen nicht verstehen, weshalb selbst viele Tarantino-Fans sich von diesem Streifen enttäuscht zeigten.

Death Proof hat meiner Meinung nach alles, was auch die übrigen Tarantino-Filme ausmacht. Einzigartige Charaktere, lange und witzige Dialoge, ein grandiosen Soundtrack. Achja…und selbstverständlich Füße. Jede Menge Füße. Im Grunde trägt Death Proof Tarantinos Handschrift noch deutlicher als irgendein anderer seiner Filme. Er nutzt den Grindhouse-Aufhänger aus und kann sich so richtig ausleben.

Man kann ihm vielleicht vorwerfen, etwas zu viel Spaß beim Schreiben gehabt zu haben. Denn  zugegeben, in der Mitte des Filmes gibt es in der Tat eine recht zähe Phase, hier hat es Tarantino dialogtechnisch etwas übertrieben – dafür erhalten wir anschließend eine Entschädigung in Form grandioser Stunts im Zuge einer old-schooligen Verfolgungsjagd.

Ingesamt lässt sich feststellen, dass es nach etwa der Hälfte ein Bruch in dem Film gibt. Erste und zweite Hälfte möchten inszenatorisch und dramaturgisch nicht ganz zusammenpassen – bezeichnenderweise treten nach der Mitte auch die zuvor eingesetzten Bildstörungen nicht mehr auf. Außerdem ist Death Proof für diese Art Film vielleicht einen Tick zu lang. Nichtsdestotrotz macht der Streifen einfach einen Heidenspaß. Und genau das soll er tun.

8/10

Inglourious Basterds (2009)

inbaDas Schöne an Inglourious Basterds ist, dass Tarantino diesmal sehr offensiv seine Liebe zum Film einbringt. Zum einen ist der Film einmal mehr eine Hommage an seine Vorbilder, ist es doch im Grunde durchaus eine Art Italowestern im WWII-Setting. Gleichzeitig wird aber direkt die Thematik »Film« und »Kino« eingebaut, was dem Ganzen eine ganz besondere Magie verleiht.

Der Film braucht zwar eine Weile, um so richtig an Fahrt aufzunehmen, ohne jedoch vorher wirklich langweilig zu sein. Zu faszinierend sind einfach Charaktere und Dialoge auch im ersten Filmdrittel bereits. Und obwohl doch recht linear erzählt, können wir im Grunde auch in Inglourious Basterds Grundzüge von Pulp Fiction erkennen, finden wir doch eigentlich mehrere Episodengeschichten auf, die am Ende zusammengeführt werden. Dass Tarantino sich letztlich nicht davor scheut, die Geschichte kurzerhand umzuschreiben, ist dabei noch das i-Tüpfelchen.

8,5/10

Django Unchained (2012)

djaunNun werde ich mir vermutlich unweigerlich Unverständnis in dreierlei Weisen zuziehen. Zum einen natürlich auf Seiten derjenigen, die mit Tarantino ohnehin nichts anfangen können und somit auch nicht verstehen, weshalb mir Django Unchained überhaupt gefällt. Dann bei denjenigen – auch innerhalb der Tarantino-Gemeinde – die sich von diesem Werk nicht so begeistert zeigen. Und schließlich auch bei den Tarantino-Fans, denen Django Unchained auch gefallen hat, jedoch absolut gar nichts über Pulp Fiction kommen lassen. Freunde, haltet euch fest: Django Unchained ist für mich nicht weniger als der beste Film, den Quentin Tarantino je auf Zelluloid gebannt hat.

Eine fantastische Story. Eine großartige Inszenierung. Einzigartige Charaktere – beeindruckend dargestellt von allen Beteiligten. Jamie Foxx ist cool, Leonardo DiCaprio ist brilliant, Christoph Waltz grandios, Samuel L. Jackson genial. Trotz einer abschreckend umfangreichen Laufzeit treten im Film kaum Längen auf. Des Weiteren zeigt Tarantino sein humoriges Gespür wie selten zuvor. Alle seine Filme waren auch lustig, aber in Django Unchained beweist er ein perfektes Timing für seine Gags. Gewürzt wird das ganze von einem der besten Soundtracks der Filmgeschichte, der auf den ersten Blick zunächst gewöhnungsbedürftig erscheint, sich letztlich aber mehr als passend zeigt und einen großen Anteil an der Coolness des Films hat. Von Verdi bis Tupac. Von Morricone bis Johnny Cash. Eine vielseitige wie geniale Auswahl.

Django Unchained  ist eine grandiose Mischung aus Spannung, Witz und Kompromisslosigkeit. Eine überzogene, satirische, groteske Abrechnung mit der dunklen Vergangenheit Amerikas.

9,5/10

——————————————————–

Übersicht:

  1. Django Unchained – 9,5/10
  2. Pulp Fiction – 9/10
  3. Kill Bill Vol. 1 – 9/10
  4. Inglourious Basterds – 8,5/10
  5. Death Proof – 8/10
  6. Reservoir Dogs – 7,5/10
  7. Kill Bill Vol. 2 – 6,5/10
  8. Jackie Brown – 5/10

Eine Antwort zu “Quentin Tarantino – Retrospektive

  1. Pingback: Eure zuletzt gesehenen Filme - Seite 353

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: