Review: Drive

„Drive“ ist ein Film mit sehr vielen Vorschusslorbeeren. Sehr viele überschwängliche Kritiken, diverse Nominierungen bei unterschiedlichen Preisverleihungen. Doch kann der Film denn daraus resultierenden hohen Erwartungen standhalten? Eines vorweg: Zumindest audiovisuell ist „Drive“ in der Tat ganz große Klasse.

Tagsüber arbeitet „der Fahrer“ (Ryan Gosling) als Mechaniker oder lässt sich von Shannon (Bryan Cranston) Aufträge als Stuntfahrer im Filmgeschäft beschaffen. Doch nachts kann er seine überragenden fahrerischen Qualitäten erst so richtig unter Beweis stellen: Da lässt er sich nämlich als Fluchtwagenfahrer anheuern. Als er sich jedoch in seine Nachbarin Irene (Carey Mulligan) zu verlieben beginnt und bei einem Überfall hilft, um sie und ihren Sohn vor Schlägern zu beschützen, denen ihr frisch aus dem Gefängnis entlassener Mann (Oscar Isaac) noch Geld schuldet, gerät er unversehens mit der Mafia aneinander. Es beginnt ein Kampf um Leben und Tod…

Klingt nach einem Actionthriller? Ist es auf seine Weise auch irgendwie. Dann aber auch wieder irgendwie nicht. „Drive“ lässt sich schwer in eine Schublade stecken. Wer bereits mit Filmen von Regisseur Nicolas Winding Refn („Pusher“, „Valhalla Rising“) in Kontakt kam, wird wissen, dass seine Werke fernab vom Mainstream angesiedelt sind. Und so kann man dann auch verstehen, dass ein Film wie „Drive“ unter der Leitung von Refn nicht einfach ein normaler Actionfilm geworden ist.

Wie bereits eingangs erwähnt, ist „Drive“ audiovisuell wirklich mehr als überzeugend geworden. Refn inszeniert seinen Film in einem gelungenen Retro-Stil der 80er-Jahre. Auch die von Refn nicht zum ersten Mal genutzte sehr explizite Gewaltdarstellung wirkt kunstvoll, die bewusste erstmalige Verwendung nach einer sehr langen ruhigen Anfangsphase des Films nicht zufällig, sondern gezielt verstörend. Zur starken Stimmung trägt ein genialer Soundtrack, der manchmal wunderbar unpassend, und dabei aber eben doch passend wirkt. Klingt paradox, lässt sich aber nicht anders beschreiben. Inszenatorisch ist „Drive“ wirklich Kunst, das kann man ganz klar festhalten.

Das Problem des Films liegt allerdings in der fehlenden Substanz. Die Handlung ist sehr stereotyp und hat man auf die ein oder andere Weise schon häufiger gesehen. Und auch die Charaktere bleiben weitestgehend sehr eindimensional. Der zwar wirklich sehr gut von Ryan Gosling verkörperte namenlose Hauptcharakter ist von Beginn des Films an wortkarg, wirkt abwesend, ja fast schon depressiv. Die ganze Zeit über erwartet man irgendwann mehr über ihn zu erfahren. Wo kommt er her? Weshalb ist er so, wie er ist? Aber da kommt nichts. Er ist ganz einfach…da. Einzig der ebenfalls hervorragend von Bryan Cranston gespielte Shannon erscheint ein wenig vielschichtiger, während auch die Darstellung der „Bösewichte“ sehr stereotyp blieb.

Ich habe mehrfach gelesen, wie die Simplizität des Films zu einer lobenswerten Kunstform hochstilisiert wurde. Aber bei aller Liebe zur Kunst muss man auch bei einem Refn-Film trotz inszenatorischer Genialität die Eindimensionalität der Charaktere sowie die Unoriginalität der Handlung anmerken dürfen.

Fazit: „Drive“ ist zweifelsohne ein sehenswerter Film. Vor allem audiovisuell ist er das reinste Vergnügen. Refn versteht sein Handwerk und das beweist er auch sehr stilvoll in diesem Werk. Nichtsdestotrotz hatte ich nach den Vorschusslorbeeren Erwartungen, die der Film nicht erfüllt hat. Dem Film fehlt es doch merklich an Substanz. Die Charaktere bleiben weitestgehend blass, der Handlung mangelt es etwas an Originalität.

6,5/10

4 Antworten zu “Review: Drive

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  3. GGrischa August 20, 2012 um 11:48 pm

    Sehr gute Filmkritik ! Ich stimme dir Hundertprozentig zu.
    Für mich war der Film unterhaltsam, die Musik mal etwas neues und deswegen gut und die Kameraführung fand ich auch gut. Nur dachte ich die ganze Zeit, dass jetzt endlich mal das Geheimnis um die Hauptperson gelüftet würde, was dann leider ausblieb.

    Drive wird wohl trotzdem einer der Filme werden den man mal unbedingt angeschaut haben muss.🙂

  4. filmtoast September 10, 2012 um 11:23 am

    Vielen Dank für dein Feedback! Freut mich, dass dir mein Review gefallen hat. Sorry, dass ich erst jetzt auf deinen Kommentar reagiere.

    Ja, so sehe ich das auch. Ich bereue ja auch keineswegs, den Film gesehen zu haben, er war ja nicht schlecht und insbesondere die Inszenierung war richtig stark. Ich denke, das ging aus dem Review auch hervor. Ich konnte jedoch einfach dem großen Hype, der um „Drive“ gemacht wurde, nicht ganz folgen. Dafür war es mir dann eben storytechnisch einfach etwas zu wenig, auch wenn dieser Minimalismus ja bei vielen Kritiken sogar als Kunstform hochgelobt wird.

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