Monatsarchive: Februar 2012

Review: Hugo Cabret

Martin Scorsese dreht seinen ersten 3D-Film und begibt sich dabei mit einer eher kindgerechten Thematik auf ein für ihn sehr ungewöhnliches Terrain. Kann das gut gehen? Es kann, denn Scorsese wäre nicht Scorsese, wenn er nicht mehr aus seinen Filmen herausholen würde, als oberflächlich betrachtet vielleicht dringesteckt hätte.

Paris, 1931: Der zwölfjährige Waisenjunge Hugo Cabret (Asa Buttefield) lebt in den Gemäuern eines Pariser Bahnhofs, wo er seine Zeit mit der Wartung der Bahnhofsuhren verbringt. Nebenbei versucht er einen geheimnisvollen mechanischen Menschen zum Laufen zu bringen, den sein Vater bis kurz vor seinem Tod versucht hatte, zu reparieren. Als der Spielwarenhändler Papa Georges (Ben Kingsley) ihm das dazugehörige Notizbuch abnimmt, scheint all seine Hoffnung verloren. Doch mit Hilfe von dessen Patentochter Isabelle (Chloe Moretz) kommt er einem Geheimnis auf die Spur, bei dem der mechanische Mensch und Papa Georges in einem mysteriösen Zusammenhang zu stehen scheinen…

„Hugo Cabret“ beginnt zweifellos als Kinderfilm – und letztlich bleibt der Film auch die volle Distanz über durchaus kindgerecht. So ist auch der Humor mitunter naiv-albern, wobei vor allem Sascha Baron Cohen als Bahnhofsvorsteher die eine oder andere Slapstickeinlage auf seiner Seite hat.

Doch entwickelt sich der Film mit fortschreitender Spieldauer immer mehr zu einer eleganten Liebeserklärung an das Kino. Einfach magisch! Martin Scorsese kreiert mit „Hugo Cabret“ eine Hommage an das Medium Film und die Frühzeit des Kinos und tritt dabei interessanterweise in eine ähnliche Kerbe wie der aktuelle Stummfilm-Hit „The Artist“ – nur eben mit einer gänzlich anderen Herangehensweise. Und beide Filme sind mit 11 Nominierungen („Hugo Cabret“) bzw. 10 Nominierungen („The Artist“) die großen Favoriten bei der diesjährigen Oscarverleihung.

Den 3D-Effekt verwendet jemand wie Scorsese erwartungsgemäß nicht als reines Gimmick. Es wird glücklicherweise im Grunde gänzlich auf nervige Spielereien verzichtet, bei dem etwas in den Zuschauerraum ragt oder fliegt. Stattdessen folgt Scorsese lediglich der logischen Entwicklung des Mediums und nutzt den Effekt eindrucksvoll, um seinem Film die räumliche Tiefe zu vermitteln. Und dabei scheute Scorsese bei seinem ersten 3D-Film nicht die Herausforderung: Keine sterilen leeren Bilder, sondern ständiges Auftreten von Staub, Asche oder Schnee in den unterschiedlichsten Szenen gestalten den 3D-Effekt in „Hugo Cabret“ besonders beeindruckend. Eine Hommage an die Frühzeit des Films zu drehen und dabei die aktuell modernsten technischen Mittel zu nutzen, kann dabei natürlich als besonders interessant und raffiniert betrachtet werden.

Fazit: Oberflächlich betrachtet scheint hinter „Hugo Cabret“ zunächst tatsächlich nur ein märchenhafter Kinderfilm zu stecken, doch mit der Zeit entwickelt er sich jedoch zu einer Hommage an das Medium Film. Ein Muss für jeden Filmliebhaber! Vor allem das letzte Drittel ist wunderschön, eine Liebeserklärung an die Frühzeit des Kinos. Magisch!

8/10

Review: The Artist

Ein Stummfilm im 21. Jahrhundert? Kann das funktionieren? Es kann, wie „The Artist“ beweist, sofern man sich darauf einlassen kann.

George Valentin (Jean Dujardin) ist Ende der 1920er Jahre der große Stummfilmstar der Filmwelt. Die Presse liebt ihn, die Frauen verehren ihn und das Publikum liegt ihm zu Füßen. Doch mit der Einführung des Tonfilms beginnt sein Absturz. Während die junge Statistin Peppy Miller (Bérénice Bejo), kurz zuvor von ihm selbst noch entdeckt, der neue Stern am Himmel Hollywoods wird, gerät Valentin in eine Abwärtsspirale, aus der er sich aus eigener Kraft nicht mehr retten zu können scheint…

Dem französischen Regisseur Michel Hazanavicius gelingt mit „The Artist“ eine wunderbare Hommage an die große Stummfilmära Hollywoods. Geschickt verwebt er vor allem handlungstechnisch moderne Stilmittel mit der klassischen Inszenierung der 20er Jahre.  Die Atmosphäre und der Flair aus der Frühzeit Hollywoods werden sehr schön transportiert.

Ab und an kann man dem Film die ein oder andere Länge nicht absprechen, doch liegt das weniger an der Inszenierung als Stummfilm, sondern eher daran, dass die doch eher seichte – und damit ebenfalls ganz im Stile der 20er Jahre gehaltene – Liebesgeschichte nicht durchgehend interessant gestaltet werden konnte. Ansonsten kann der Film jedoch auf der Handlungsebene überzeugen, auch wenn die Liebesgeschichte natürlich eng mit der Handlung um Valentins Absturz verbunden ist, keine Frage. Ingesamt gesehen hätte man „The Artist“ aber vielleicht auf achtzig bis neunzig Minuten straffen können.

Ich bin zwar weiterhin der Meinung, dass Leonardo DiCaprio als J. Edgar Hoover schauspielerisch vielleicht mehr gefordert wurde als Jean Dujardin in „The Artist“ und daher zumindest eine Nominierung bei der diesjährigen Oscar-Verleihung ebenfalls verdient hätte, nichtsdestotrotz schmälert diese Tatsache natürlich keinesfalls die starke darstellerische Leistung Dujardins. Zweifellos angelehnt an Douglas Fairbanks, dem großen Star der Stummfilmära Hollywoods, verzückt Dujardin vor allem mit seinem Spiel mit der Mimik und dem passend für die Zeit absichtlichen Overacting, kann dann aber wiederum gleichermaßen in seiner eher modernen Art zu Spielen überzeugen, wenn seine Rolle Valentin mehr und mehr in die Abwärtsspirale seines Absturzes hineingezogen wird.

Eine besondere, wenn auch augenzwinkernde Erwähnung sollte zudem sein tierischer Kollege bekommen. Valentins Hund, der ihn in seinen Filmen wie auch in seinem Privatleben stets zur Seite steht, ist nicht nur niedlich, sondern hat mit dem einen oder anderen Trick auch so manchen Lacher auf seiner Seite. Kompliment an Hund und Hundetrainer.

Mit James Cromwell und John Goodman konnte man noch zwei bekannte Namen für größere Nebenrollen oder kleine Hauptrollen engagieren. Vor allem letzterer überzeugt mit einer unheimlich guten Präsenz auf der Leinwand und beweist hervorragendes Gespür für Timing für Witz, der ohne Sprache funktionieren muss.

Fazit: „The Artist“ wird vermutlich aufgrund seiner Inszenierung als Stummfilm viele Zuschauer abschrecken. Doch mindestens die Hälfte derjenigen, die dennoch den Weg ins Kino finden, werden denke ich positiv überrascht sein. Natürlich haben wir heute ganz andere Seh- oder vielmehr Hörgewohnheiten. Nichtsdestotrotz kann „The Artist“ wirklich Spaß machen und unterhalten, wenn man denn gewillt ist, sich auf den Stummfilmcharakter einzulassen.

8/10

Review: Drive

„Drive“ ist ein Film mit sehr vielen Vorschusslorbeeren. Sehr viele überschwängliche Kritiken, diverse Nominierungen bei unterschiedlichen Preisverleihungen. Doch kann der Film denn daraus resultierenden hohen Erwartungen standhalten? Eines vorweg: Zumindest audiovisuell ist „Drive“ in der Tat ganz große Klasse.

Tagsüber arbeitet „der Fahrer“ (Ryan Gosling) als Mechaniker oder lässt sich von Shannon (Bryan Cranston) Aufträge als Stuntfahrer im Filmgeschäft beschaffen. Doch nachts kann er seine überragenden fahrerischen Qualitäten erst so richtig unter Beweis stellen: Da lässt er sich nämlich als Fluchtwagenfahrer anheuern. Als er sich jedoch in seine Nachbarin Irene (Carey Mulligan) zu verlieben beginnt und bei einem Überfall hilft, um sie und ihren Sohn vor Schlägern zu beschützen, denen ihr frisch aus dem Gefängnis entlassener Mann (Oscar Isaac) noch Geld schuldet, gerät er unversehens mit der Mafia aneinander. Es beginnt ein Kampf um Leben und Tod…

Klingt nach einem Actionthriller? Ist es auf seine Weise auch irgendwie. Dann aber auch wieder irgendwie nicht. „Drive“ lässt sich schwer in eine Schublade stecken. Wer bereits mit Filmen von Regisseur Nicolas Winding Refn („Pusher“, „Valhalla Rising“) in Kontakt kam, wird wissen, dass seine Werke fernab vom Mainstream angesiedelt sind. Und so kann man dann auch verstehen, dass ein Film wie „Drive“ unter der Leitung von Refn nicht einfach ein normaler Actionfilm geworden ist.

Wie bereits eingangs erwähnt, ist „Drive“ audiovisuell wirklich mehr als überzeugend geworden. Refn inszeniert seinen Film in einem gelungenen Retro-Stil der 80er-Jahre. Auch die von Refn nicht zum ersten Mal genutzte sehr explizite Gewaltdarstellung wirkt kunstvoll, die bewusste erstmalige Verwendung nach einer sehr langen ruhigen Anfangsphase des Films nicht zufällig, sondern gezielt verstörend. Zur starken Stimmung trägt ein genialer Soundtrack, der manchmal wunderbar unpassend, und dabei aber eben doch passend wirkt. Klingt paradox, lässt sich aber nicht anders beschreiben. Inszenatorisch ist „Drive“ wirklich Kunst, das kann man ganz klar festhalten.

Das Problem des Films liegt allerdings in der fehlenden Substanz. Die Handlung ist sehr stereotyp und hat man auf die ein oder andere Weise schon häufiger gesehen. Und auch die Charaktere bleiben weitestgehend sehr eindimensional. Der zwar wirklich sehr gut von Ryan Gosling verkörperte namenlose Hauptcharakter ist von Beginn des Films an wortkarg, wirkt abwesend, ja fast schon depressiv. Die ganze Zeit über erwartet man irgendwann mehr über ihn zu erfahren. Wo kommt er her? Weshalb ist er so, wie er ist? Aber da kommt nichts. Er ist ganz einfach…da. Einzig der ebenfalls hervorragend von Bryan Cranston gespielte Shannon erscheint ein wenig vielschichtiger, während auch die Darstellung der „Bösewichte“ sehr stereotyp blieb.

Ich habe mehrfach gelesen, wie die Simplizität des Films zu einer lobenswerten Kunstform hochstilisiert wurde. Aber bei aller Liebe zur Kunst muss man auch bei einem Refn-Film trotz inszenatorischer Genialität die Eindimensionalität der Charaktere sowie die Unoriginalität der Handlung anmerken dürfen.

Fazit: „Drive“ ist zweifelsohne ein sehenswerter Film. Vor allem audiovisuell ist er das reinste Vergnügen. Refn versteht sein Handwerk und das beweist er auch sehr stilvoll in diesem Werk. Nichtsdestotrotz hatte ich nach den Vorschusslorbeeren Erwartungen, die der Film nicht erfüllt hat. Dem Film fehlt es doch merklich an Substanz. Die Charaktere bleiben weitestgehend blass, der Handlung mangelt es etwas an Originalität.

6,5/10