Review: J. Edgar

Zunächst hatte ich Schwierigkeiten in den Film hineinzukommen, die Zeitsprünge erschienen anfänglich zu häufig, zu konfus. Doch schon nach einigen Minuten wird der Zuschauer in den Bann gezogen und von der Figur des J. Edgar Hoovers, auf dem Höhepunkt seines Lebens vielleicht in der Tat der mächtigste Mann der Welt, gefesselt.

Clint Eastwood liefert dabei mit „J. Edgar“ weniger ein historisches Drama als viel mehr ein Psychogramm des FBI-Gründers. Es ist eine Charakterstudie eines Mannes, der sich nach außen hin als Machtperson darstellt, dem nichts und niemand etwas anhaben kann, innerlich jedoch zutiefst verunsichert und gespalten ist. Ein Muttersöhnchen, das in einem Augenblick noch voller Selbstbewusstsein und Stolz drei Damen von den Gefahren und Erfolgen seiner Arbeit berichtet, im nächsten Moment jedoch stotternd und voller Nervosität das Weite sucht, als eine der Damen ihn um einen Tanz bittet. Ein Mann, der in seinen jungen Jahren noch eine Frau bereits nach der dritten Verabredung einen Heiratsantrag macht – offenbar, weil er es eben für eine gesellschaftliche Norm hält, verheiratet zu sein – und nach der Zurückweisung nie wieder einen weiteren Versuch in diese Richtung unternehmen würde. Ein Fokus liegt dabei auch auf der nie offiziell bestätigten Homosexualität Hoovers, der in diesem Film, dieser Charakterstudie, zwangsläufig eine große Bedeutung beigemessen wird. Die Verleugnung seiner eigenen Sexualität hat entscheidenen Anteil an der innerlichen Zerrüttung des nach außen hin so machthungrigen Selbstdarstellers, der unter acht US-Präsidenten diente und mit der Sammlung von belastendem Material in Geheimakten auch nicht vor diesen Halt machte.

Getragen wird „J. Edgar“ nicht zuletzt von einem abermals brilliant aufspielenden Leonardo DiCaprio. Mit Unverständnis muss ich auf die Entscheidung der Motion Picture Academy reagieren, ihn nicht einmal mit einer Nominierung bei der diesjährigen Oscarverleihung zu bedenken. Es ist ein Witz, dass einer der besten Schauspieler seiner Generation wieder und wieder bei den Oscars übergangen wird.

Fazit: Wer einen historischen Thriller erwartet, wird vermutlich enttäuscht werden. Getragen von einem überragenden Leonardo DiCaprio ist „J. Edgar“ vielmehr eine Charakterstudie, ein Psychogramm. Vielleicht zu erwartende, kinoreife Episoden wie die Jagd nach John Dillinger werden im Grunde nicht thematisiert. Stattdessen liegt der Fokus auf der innereren Zerrüttung Hoovers, sodass beispielsweise mit der Entführung des Lindbergh-Babys Themen herausgegriffen werden, die für diesen Schwerpunkt mehr Bedeutung zu haben schienen.

7/10

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