Monatsarchive: Januar 2012

Review: J. Edgar

Zunächst hatte ich Schwierigkeiten in den Film hineinzukommen, die Zeitsprünge erschienen anfänglich zu häufig, zu konfus. Doch schon nach einigen Minuten wird der Zuschauer in den Bann gezogen und von der Figur des J. Edgar Hoovers, auf dem Höhepunkt seines Lebens vielleicht in der Tat der mächtigste Mann der Welt, gefesselt.

Clint Eastwood liefert dabei mit „J. Edgar“ weniger ein historisches Drama als viel mehr ein Psychogramm des FBI-Gründers. Es ist eine Charakterstudie eines Mannes, der sich nach außen hin als Machtperson darstellt, dem nichts und niemand etwas anhaben kann, innerlich jedoch zutiefst verunsichert und gespalten ist. Ein Muttersöhnchen, das in einem Augenblick noch voller Selbstbewusstsein und Stolz drei Damen von den Gefahren und Erfolgen seiner Arbeit berichtet, im nächsten Moment jedoch stotternd und voller Nervosität das Weite sucht, als eine der Damen ihn um einen Tanz bittet. Ein Mann, der in seinen jungen Jahren noch eine Frau bereits nach der dritten Verabredung einen Heiratsantrag macht – offenbar, weil er es eben für eine gesellschaftliche Norm hält, verheiratet zu sein – und nach der Zurückweisung nie wieder einen weiteren Versuch in diese Richtung unternehmen würde. Ein Fokus liegt dabei auch auf der nie offiziell bestätigten Homosexualität Hoovers, der in diesem Film, dieser Charakterstudie, zwangsläufig eine große Bedeutung beigemessen wird. Die Verleugnung seiner eigenen Sexualität hat entscheidenen Anteil an der innerlichen Zerrüttung des nach außen hin so machthungrigen Selbstdarstellers, der unter acht US-Präsidenten diente und mit der Sammlung von belastendem Material in Geheimakten auch nicht vor diesen Halt machte.

Getragen wird „J. Edgar“ nicht zuletzt von einem abermals brilliant aufspielenden Leonardo DiCaprio. Mit Unverständnis muss ich auf die Entscheidung der Motion Picture Academy reagieren, ihn nicht einmal mit einer Nominierung bei der diesjährigen Oscarverleihung zu bedenken. Es ist ein Witz, dass einer der besten Schauspieler seiner Generation wieder und wieder bei den Oscars übergangen wird.

Fazit: Wer einen historischen Thriller erwartet, wird vermutlich enttäuscht werden. Getragen von einem überragenden Leonardo DiCaprio ist „J. Edgar“ vielmehr eine Charakterstudie, ein Psychogramm. Vielleicht zu erwartende, kinoreife Episoden wie die Jagd nach John Dillinger werden im Grunde nicht thematisiert. Stattdessen liegt der Fokus auf der innereren Zerrüttung Hoovers, sodass beispielsweise mit der Entführung des Lindbergh-Babys Themen herausgegriffen werden, die für diesen Schwerpunkt mehr Bedeutung zu haben schienen.

7/10

Review: Ziemlich beste Freunde

Es gibt zwei Wörter, die den Film denke ich ganz treffend charakterisieren: Schön und ehrlich. „Ziemlich beste Freunde“ ist ein schöner, grundehrlicher Film. Zwei vollkommen unterschiedliche Personen mit völlig unterschiedlichen Vorraussetzungen treffen aufeinander, lernen voneinander und werden die besten Freunde. Dabei nimmt der Film trotz der für eine Komödie heiklen Thematik um einen Gelähmten keinen Blatt vor den Mund, ohne jedoch jemals niveaulos zu werden.

Komödien sind generell ein sehr schwieriges Genre. Zu schnell und zu häufig geraten diese Filme auf eine alberne Ebene. Deswegen bin ich auch kein besonderer „Anhänger“ dieses Genres – aber umso mehr freue ich mich dann, wenn dann mal wieder ein wirklich lustiger, jedoch nicht alberner Vertreter über die Leinwand flimmert. Wenn dann wie im vorliegenden Fall der Film auch noch mit einer gesunden Portion Tragik und Tiefsinn gewürzt wird, kommt nicht nur eine besonders gute Komödie heraus, sondern ein wirklich mehr als sehenswerter Film! Ein großartiger Soundtrack von Ludovico Einaudi trägt dabei noch zu der wunderbaren Stimmung und Atmosphäre bei.

Daumen hoch für „Ziemlich beste Freunde“, der beweist, dass Komödien nicht niveaulos und albern sein müssen. Davon könnte sich ein Großteil der vermeintlichen Komödianten eine Scheibe abschneiden…

8,5/10

Review: The Ides of March – Tage des Verrats

Sehr sehenswertes Politdrama über das schmutzige Geschäft der Politik. Es dauert zunächst etwas, bis der Film an Fahrt aufnimmt, dann trifft einen aber die volle Breitseite. Kleinste Fehler werden in diesem Milieu bestraft. Selbst die ehrlichsten und aufrichtigsten Personen müssen sich letztendlich verbiegen und ihre Ideale zugunsten von Macht und Karriere verraten. Der Zuschauer bleibt am Ende mit einem dicken Kloß im Hals sitzen. „The Ides of March“ ist eine gnadenlose Abrechnungen mit der Politik.

George Clooney, Philip Seymour Hoffman, Paul Giamatti, Ryan Gosling…der Cast kann sich natürlich absolut sehen lassen. Schauspielerisch kann vor allem Ryan Gosling brillieren.

Mir hat „The Ides of March“ sehr gut gefallen. Klasse Regiearbeit von George Clooney, starker Soundtrack von Alexandre Desplat, ein gut aufgelegter Cast mit einem vor allem sehr überzeugenden Ryan Gosling und eine Handlung, die jeden halbwegs moralischen Zuschauer am Ende sehr nachdenklich zurücklässt, machen „The Ides of March“ zu einem wirklich sehenswerten Film.

7,5/10

 

Review: Mad Circus – Eine Ballade von Liebe und Tod

»Wenn dein Publikum nicht lacht, dann erschreck’ es zu Tode.«
Dieses Zitat aus „Mad Circus – Eine Ballade von Liebe und Tod“ (Balada triste de trompeta) kann im Grunde auch als Quintessenz des Films angesehen werden. Das neue Werk von Álex de la Iglesia, dem Enfant Terrible des spanischen Kinos, ist beklemmend, makaber, verstörend…doch phasenweise witzig zugleich. Gnadenlos rechnet der spanische Kultregisseur – „Aktion Mutante“, „El Dia de la Bestia“, „Perdita Durango“ – mit dem Franco-Regime und mit dessen Verarbeitung im spanischen Bewusstsein ab.

Spanien 1937: Eine Zirkusvorstellung wird jäh von Soldaten unterbrochen, die kampffähige Männer rekrutieren wollen, um gegen die anrückenden Franco-Anhänger vorzugehen. Einer der Clowns, der Vater von Javier (Carlos Areces), wird anschließend verhaftet. Einige Jahre später gibt er seinem bei einem Gefängnisaufenthalt seinem Sohn einen Rat: »Erleichtere deinen Schmerz mit Rache.«  Bei dem folgenden Befreiungsversuch muss Javier mit ansehen, wie sein Vater von einem Pferd zu Tode getrampelt wird.
Ein weiterer Zeitsprung führt uns nun in die 70er Jahre. Javier wurde als trauriger Clown in einem Zirkus angestellt, wo er sich in die schöne Natalia (Carolina Bang) verliebt. Die ist jedoch mit Clownkollege Sergio (Antonio de la Torre) zusammen, der ein gewaltiges Aggressionsproblem hat. Was als etwas ausgefallene Liebesgeschichte beginnt, wird bald zu einem blutigen Höllentrip zwischen Liebe, Hass und Eifersucht…

Jeder Versuch, die anschließende Handlung in Worte zu fassen, wäre zum Scheitern verurteilt. Deswegen soll das an dieser Stelle auch gar nicht erst versucht werden. Es wird grotesk, brutal und bizarr, manchmal an der Grenze zum Erträglichen. Was Iglesia abliefert, ist eine Achterbahnfahrt auf dem Rummelplatz der Groteske.

Bei den Filmfestspielen von Venedig 2010 wurde Álex de la Iglesia für „Mad Circus“ mit den Preisen für „Beste Regie“ sowie „Bestes Drehbuch“ ausgezeichnet. Jurypräsident war in jenem Jahr übrigens ein gewisser Quentin Tarantino.

Visuell ist „Mad Circus“ auf allerhöchstem Niveau. Die kunstvolle Inszenierung der brutal-skurrilen Handlung trägt hierbei zur Bizarrheit des Films bei. Er ist so abschreckend wie faszinierend. Alles kulminiert schließlich in einem fulminanten Showdown, der sich als Hommage an selbigen in Alfred Hitchcocks „Der unsichtbare Dritte“ herausstellt. Filmfreunde dürfen sich zudem auf eine Vielzahl weiterer filmischer Zitate freuen, die es im Verlaufe des Films zu entdecken gilt.

Die Handschrift Iglesias ist zweifelsohne auch in „Mad Circus“ zu erkennen. Wer bisher mit seinen Filmen nichts anzufangen wusste, wird auch mit diesem Film seine Schwierigkeiten haben. Seine groteske Überdrehtheit in Stil und Handlung trifft sicherlich nicht den Geschmack eines jeden. Der „Otto-Normal-Kinogänger“ – und das ist nicht überheblich gemeint – sollte gewarnt sein: „Mad Circus“ ist erwartungsgemäß sehr…speziell.

Fazit: „Mad Circus“ ist bizarr. „Mad Circus“ ist verstörend. „Mad Circus“ ist faszinierend. Kultregisseur Álex de la Iglesia liefert eine gnadenlose Abrechnung mit dem faschistischen Franco-Regime und dessen Verarbeitung im spanischen Bewusstsein ab. Visuell auf allerhöchstem Niveau wird uns eine brutale und groteske Geschichte von Liebe, Hass und Eifersucht erzählt, die jedoch nicht zur zwischen den Zeilen mehr ist als eine völlig abgedrehte Liebesgeschichte. Ab einem bestimmten Punkt steuert der Film allerdings in eine Richtung, die mitunter etwas über die Stränge schlägt. „Mad Circus“ wird mit fortschreitender Handlung immer grotesker und immer überdrehter und kratzt an der Grenze zum Erträglichen. Potenziell Interessierte sollten sich also bewusst sein, auf was sie sich einlassen, wenn sie sich „Mad Circus“ anschauen.

7/10